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Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde. Die Bibel, Psalm 71, Vers 9 |
„Es hat alles seinen Sinn gehabt“, sagte Altkanzler Helmut Kohl bei seinem 80. Geburtstag ¹. Er meinte damit sein Lebenswerk. Schön, wenn ein Mensch das sagen kann. Wenn einer im Rückblick sagen kann: ich erkenne in dem, woran ich gearbeitet habe, was ich schaffen konnte, eine Bedeutung. Es hatte einen Zweck. Es war nicht umsonst. Es war vielleicht sogar gut für andere. Ich darf zufrieden sein. Es hatte Sinn.
Immer weniger Menschen scheinen das sagen zu können. Besonders im Alter stellt sich für Viele die Frage nach dem Sinn ihres Daseins. Unter dem Titel „Oma im Koma – warum sich immer mehr Rentner in die Bewusstlosigkeit saufen“ berichtete ein Anzeigenblatt über einen dramatischen Anstieg von Suchtproblemen bei Senioren ². Die Suchtforscherin Irmgard Vogt ist überzeugt, dass Einsamkeit eine wesentliche Ursache dafür ist. Ältere Menschen fühlen sich oft nach einem erfolgreichen Arbeitsleben unnütz und werden damit nicht fertig. Depressionen und Verzweiflung sind die Folge. Diese Menschen ersäufen ihr Unglück im Alkohol. Doch das ist nur ein scheinbarer Ausweg aus der Problematik.
Diese Menschen brauchen dringend fachliche Hilfe, um nicht auf den „letzten Lebensmetern“ elend zu scheitern! (Betroffene oder Angehörige können sich zum Beispiel an das Blaue Kreuz, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder an die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren DHS ³ wenden. Diese Organisationen helfen auch bei der Suche nach Beratungsstellen vor Ort).
In der Bibel ist alt werden und die damit verbundenen Probleme kein Tabu-Thema. Schwierigkeiten werden nicht ausgeklammert. Psalm 71 ist in der Luther-Bibel überschrieben mit „Bitte um Gottes Hilfe im Alter“. Im 9. Vers heißt es: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.“
Da weiß einer, dass der Alterungsprozess vieles in Frage stellt: das eigene Leistungsvermögen ebenso wie die Frage, wie ich vor Anderen dastehe. Alter und Schwäche werden in einem Atemzug genannt. Weil alt werden auch schwach werden heißt. Heimliche Ängste werden sichtbar: die Angst, nicht mehr Schritt halten zu können. Die Angst, allein gelassen zu werden. Die Angst, zu vereinsamen. Die Angst, zu versagen. Die Angst, sich nicht mehr im Griff zu haben. Die Angst, hilflos zu werden. Angst, verachtet zu sein. Es ist nicht leicht, würdevoll alt zu werden.
In Vers 20 nimmt das Gebet aber eine überraschende Wendung. Es bleibt nicht bei den Ängsten: „Du lässt mich erfahren viele und große Angst – und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“ Gott erspart dem Beter zwar nicht Not und Elend, aber er erhält ihn am Leben. Das ist Auferstehungshoffnung und Hoffnung für die Gegenwart zugleich. Gott holt wieder heraus aus Tiefen der Ängste und des Elends. Gottes Gegenwart gibt wieder Trost und Lebensmut.
Auch im Alter, trotz Schwachheiten und Ängsten, ist Freude wieder neu erfahrbar (Vers 23): „Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.“ Wer das sagen kann, darf mit Fug und Recht auch sagen: Es hat alles seinen Sinn gehabt. Nicht, weil das Lebenswerk so toll war. Sondern weil uns Gott festhält. Weil Gott an uns festhält. (hpn)
Gottes Segen wünscht Ihnen die Nord-Ost-Gemeinde
¹ Festakt für Helmut Kohl am 5. Mai 2010, Frankfurter Neue Presse vom 6.Mai 2010 (Titelseite)
² Rhein Main Extra Tipp vom 2.Mai 2010, S. 3
³ www.blaues-kreuz.de, BZgA Köln, Tel. 0221 / 89 20 31, DHS www.dhs.de
