Das Vaterunser: Unser tägliches Brot gib uns heute

Unser Vater im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Grundgebet aller Christen aus Matthäus-Evangelium, Kap. 6, Verse 9 - 13

Jahrmarkt. Volksfeststimmung. Mein Blick fällt auf „einen halben Meter Bratwurst im Baguette“. Masse statt Klasse, denke ich. Duftet aber verführerisch! Der Blick auf meine Figur sagt: Nein, brauchst du nicht!

Was brauche ich eigentlich? Für Martin Luther gehörte zum „täglichen Brot“ alles, was „nottut für Leib und Leben, also Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ 1

Das geht doch weit hinaus über das Existenz-Minimum, also über Essen und Trinken, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Für die meisten Menschen auf der nördlichen Halbkugel sind das ohnehin Selbstverständlichkeiten, Peanuts. Oder es sind Bedürfnisse aus einer anderen Welt. Wer will heute noch fromme und treue Oberherren, wer bittet heute noch für eine gute Regierung oder gutes Wetter – es sei denn für den Grillabend.

Wer einmal ein Slum in Afrika oder Asien gesehen hat, der bekommt allerdings einen neuen Blick für das „tägliche Brot“. Wenn Christen dort um das Vaterunser beten, denken sie vielleicht an sauberes Trinkwasser, Strom für eine Lampe in der Wellblechhütte, Holz zum Kochen. Wer unter einer Diktatur leidet, der träumt von einer guten Regierung. Wer auf verdorrten Feldern nichts mehr ernten kann, sehnt sich nach Regen. Wer an Aids erkrankt ist, erfleht medizinische Hilfe.

Was tut uns heute not, hier in Frankfurt? Vielleicht sieht die Liste Martin Luthers bei jedem etwas anders aus: Bitte um eine bezahlbare Wohnung, Bitte um einen Arbeitsplatz, Bitte um einen Besuch in der Einsamkeit.

Ich denke, Gott erhört solche Gebete gern. Wahrscheinlich am liebsten durch Leute, die statt von einem halben Meter Bratwurst von sozialer Gerechtigkeit und gelebter Diakonie träumen. Unser tägliches Brot schließt auch diejenigen ein, die um dieses tägliche Brot täglich zu kämpfen haben. Es geht nicht um die Vermehrung meines Wohlstands, sondern um praktizierte Nächstenliebe an denen, deren Überleben ein hartes Brot geworden ist.

Gottes Segen wünscht Ihnen die Nord-Ost-Gemeinde.
(hpn)

1 Kleiner Katechismus, Die vierte Bitte.


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